C. A. Wiertz im Gespräch

Künstlerin, Autorin, Köchin, Gärtnerin, Beraterin und Frau - ich hab’ mit ihr gesprochen.

Du bist Psychologin, Künstlerin und Autorin — wie bedingen sich diese drei Rollen gegenseitig?

Alles wird bestimmt von meinem eigenen Interesse an dem, was in den Menschen passiert - damit meine ich bspw. Ängste und Gedanken - und dem, was ich in der Natur erleben darf. Ich denke dabei an Blumen, Wolken, Blüten, Bäume, Wellen und die unendliche Vielfalt in all dem. Wenn ich schreibe, versuche ich, einen möglichst präzisen Ausdruck dessen zu finden, was ich sehe und erlebe. Meist bleibt es eine Annäherung. Ein einziges Wort oder ein Satz kann eine ganze Welt von inneren Bildern öffnen - bei mir und hoffentlich auch beim Leser.

Jetzt zielen Deine Antworten mehr auf das Schreiben. Wie sieht das aus, wenn Du bildnerisch arbeitest?

Um die Vielfalt der Phänomene darzustellen denke ich ans Fotografieren. Wolken, Hügel bis hin zu ganzen Landschaften - ich denke mich hinein, und das öffnet Horizonte, Dinge tiefer zu sehen. Besonders interessant sind Porträts, weil sie wie ein Fenster in das Innenleben der Person sind - so etwas wie ein Kern wird sichtbar.... Dem gegenüber haben die Skulpturen ihre Wurzeln eher in meinem Spieltrieb. Da findet eine Transformation statt. Ein Knochen wird zu einem Vogelkopf, oder Kiesel werden arrangiert zu einem Strand oder einer abstrakten Situation.

Diese Vorgehensweise kann übrigens auch psychotherapeutisch genutzt werden, beispielsweise. mit der Aufforderung, vor einem liegende Gegenstände zu so zu legen, dass sie das wiedergeben, was man gerade fühlt. Das lässt sich später dann aus dem Nonverbalen in Worte übersetzen, die Erfahrungen oder Erinnerungen hervorrufen. Meine Motivation, Psychologie zu studieren, kam aus diesem Erstaunen über den anderen. Ich bilde mir nicht zu wissen, was in ihm vorgeht, aber ich möchte es gern erkunden und erfahren, wenn der andere bereit ist, das zu teilen.

Welche der drei Identitäten würdest du als Deine "eigentliche" bezeichnen — oder geht das gar nicht?

Das geht nahtlos ineinander über. Ich hab seit jeher gern geschrieben, mich schon als Jugendliche für das Innenleben der Menschen interessiert, aber auch immer schon etwas Kreatives mit den Händen gemacht, gesammelt und zum eignen Vergnügen arrangiert.

Was war der Auslöser, Deine Fotos in einem Buch zu versammeln?

Ich habe Lieblingsthemen in der Fotografie. Naturphänomene wie Wolken, Landschaften, Wurzeln, Blüten, Porträts, Gesteins- oder Wasseroberflächen... Die Farbe ist etwas Besonderes. Manchmal springt einem die Farbe sozusagen als Hauptaussage entgegen, über Inhalt und Form hinaus... Ganz gleich, ob Menschen oder Architektur - es ist spannend und unterhaltsam und es gibt in den 10-tausenden meiner Fotos viele mit dieser Eigenschaft. Manchmal gibt es Kontraste: Wenn bspw. ein rotes Auto in einer gleichförmig grünenUmgebung steht - das wirkt auf den Betrachter fast wie eine Ohrfeige... Auch in der Natur selbst gibt es manchmal solche überraschenden Kontraste - etwa eine Mohnblüte, die sich eben entfaltet: Päng!!!

Fotografierst Du mit einer klaren Absicht — oder entsteht das Bild erst beim Betrachten hinterher?

Das ist unterschiedlich. Manchmal gehe ich auf die Jagd in einem Dorf, einer Stadt, beim Spaziergang. Manchmal passiert es, dass ich sozusagen bloss als Touristin fotografiere und erst im Nachgang feststelle, dass es in den Bildern neue Dinge zu entdecken gibt.

Was soll jemand nach dem Durchblättern fühlen?

Bei allen Veröffentlichungen, ganz gleich welcher Art, hoffe ich, dass sie beim Betrachter zu Wertschätzung und Achtsamkeit führen für das, was ihn umgibt. Natur ist so etwas Kostbares, und auch der Mensch mit all seinen widersprüchlichen Gefühlen... Wir machen aber unsere Umwelt systematisch kaputt, und wir sollten sie doch schützen! Und wie oft im Alltag gehen wir an den wirklichen Bedürfnissen unserer Mitmenschen achtlos vorbei... Ich möchte die Achtsamkeit des Betrachters vertiefen.

Gibt es ein Foto im Buch, das Dich selbst überrascht hat?

„Kunst ist Seelsorge“ (auf Seite 56) verstehe ich in gewisser Weise als Maxime für meinen Beruf. Das ist natürlich stark verkürzt und kann auch missverstanden werden. Auch das Porträt auf Seite 68 berührt mich sehr. Die alte Frau auf einem Stuhl sitzend - ein Gesicht, das vieles ausdrückt, widersprüchliche Dinge, Melancholie, Lebensfreude oder das Erinnern bitterer Momente im Leben. Sie ist eine alte Freundin, mit der ich viel unternahm.

Verändert Dein psychologisches Wissen den Blick, mit dem du fotografierst — oder den Blick, mit dem du Menschen fotografierst?

Eher nicht. Höchstens in einem sehr allgemeinen Sinn - je mehr man weiß durch das eigene Erleben oder durch Erkenntnisse durch Forschung, desto stärker wird natürlich auch die Wahrnehmung angereichert... Die ungeheuer große Komplexität des menschlichen Inneren in Interaktion mit anderen Wesen ist immer Grund zum Weiterdenken. Nehmen wir ein junges Gesicht: Was wird da noch kommen in diesem Leben? Bei einem alten Gesicht könnten wir uns fragen, wie es dazu kam, dass das Gesicht jetzt so aussieht, gezeichnet vom Leben. Aber das ist eher Gefühl als wissenschaftliche Evidenz.

Was gelingt Bildern, was Sprache nicht kann?

Bilder sprechen den Betrachter direkt auf der Gefühlsebene an, weniger vom Intellekt her, auch wenn sie natürlich in einem historischen Kontext und im Zusammenhang mit eigenen Erfahrungen wahrgenommen werden. Die Erfahrung prägt unter anderem Erwartungen, wie ein Bild zu sein hat. Interessant wird es dann, wenn ein Bild von den Normen und Erwartungen des Betrachters abweicht. Nehmen wir bspw Fotografien. Es gibt Fotos, die vielen Leuten gefallen. Und wieder andere gefallen nur wenigen oder kaum jemanden. Sie sind anders als das Gewohnte. Der Vorteil von Bildern ist, dass sie weniger voraussetzen beim Betrachter als Worte beim Leser - soll heissen, ein gemeinsames Bildungsniveau von Autor und Betrachter ist nicht unbedingt erforderlich für das Verständnis. Anderseits: Ein Bild fixiert in gewisser Weise den Betrachter - ihm wird etwas auferlegt. Wenn man, als Experiment sozusagen, in einem Film den Ton weglässt und lediglich die Bilder wirken lässt, können sich plötzlich ganz neue Interpretationsspielräume öffnen. Das eben ist Kunst. Es immer eine gewisse Ambiguität dabei, eine Doppel- oder Vieldeutigkeit.

Was bedeutet Dir die Zusammenarbeit mit dem Verlag?

Es ist interessant, persönlich über ein Projekt reden zu können. Meine Perspektive ist anders als Deine, und immer, wenn ein anderer ins Spiel kommt, wird es in einer neuen Weise spannend. Der Gestaltungsprozess wird von der Außenperspektive mit beeinflusst. Und diese Unterstützung hilft mir, meine Arbeiten mit anderen zu teilen. Die Resonanz wertvoll.

Vielen Dank für Deine Zeit und die inspirierende Zusammenarbeit.

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COLORS – Ein Buch über die Vielfalt.

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